Log 3 – Vom Schmuggelkamel zum Neuzeit-Nomaden

Schon früh am Morgen werden wir in der Tourismusbehörde Kahnuj mit Tee empfangen. Es wird viel geredet, die Beamten wollen einige Bilder mit uns machen und wir müssen eben in die Stadt, Passkopien besorgen. Einen Drucker oder Computer gibt es vor Ort nicht. Wir verstehen langsam warum auf unsere Mails keiner geantwortet hat. Generell fragen wir uns für was diese Gegend überhaupt eine Tourismusbehörde hat. Und warum kann dort keiner Englisch? Umso mehr freuen sich die Beamten über uns Touristen. Nach einigen Stunden haben wir ein paar Instagram Follower mehr und bekommen von der Behörde Unterstützung zugesichert. Die Verlängerung unseres Visas sei kein Problem. Wir werden sehen.

Wir haben uns dazu entschieden mit unseren Kamelen von sicherem Ort zu sicherem Ort im Tageslicht, entlang der belebten Hauptstraße zu laufen. Bis nach Jiroft. Ab dort soll es sicher sein und wir können endlich draußen in der Natur in unserem Zelt schlafen. Unser erstes Ziel ist eine 40km entfernte Polizei- und Rettungsstation. Eigentlich ist diese Etappe viel zu lang. Vor allem für den ersten Tag. Aber wir haben keine Wahl. Am Nachmittag gehen wir ins Dorf, um alles für den morgigen Aufbruch vorzubereiten. Wir bereiten Wasser vor und üben das Beladen der Kamele. Alle Dorfbewohner begutachten das Spektakel und gehen uns helfend zur Hand. Ob wir das auch ohne ihre Hilfe hinbekommen wissen wir nicht. Vor Sonnenuntergang verlassen wir das Dorf.

Den Großteil unseres Gepäcks wollen wir schon mal bei der Polizeistation, neben der wir unser Zelt aufschlagen wollen, abladen. Dies spart uns wichtige Zeit am nächsten Morgen und entlastet die Tiere. Dort angekommen wird viel telefoniert. Der Chef der Tourismusbehörde probiert uns zu helfen, doch das Lagern von unbekannten Taschen an einer Polizeistation sei verboten. Als Alternativplan will er uns eine Polizeieskorte organisieren, die das Gepäck transportieren kann. Wir sind skeptisch und beschließen noch früher aufzustehen, um alles auf die Kamele zu laden.

Morgens um 5 Uhr fahren wir ins Dorf und satteln im Morgengrauen die Kamele. Wieder werden wir tatkräftig von den Dorfbewohnern unterstützt. Um 8 Uhr fällt der langersehnte Startschuss für unsere Kameltour. Es steht direkt eine ordentliche Strecke von 40km an. Kaum 500 Meter aus dem Dorf, rollt am Horizont plötzlich unsere Polizeieskorte an. Mit der haben wir nicht mehr gerechnet. Fünf Polizisten in einem Pickup, ausgerüstet mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen. Sie garantieren unsere Sicherheit und folgen uns in gewissem Abstand. Wir laufen voran, genießen die frische Morgenluft, die Freiheit und die Natur.

Schon nach wenigen Kilometern gibt es die erste Diskussion mit der Polizei. Sie wollen, dass wir über Rudbar laufen, statt unserer geplanten Route zu folgen. Dieser Umweg von 10km kommt für uns nicht in Frage. Die Beamten sind unsicher ob unser Weg mit ihrem Pickup passierbar ist. Da die Kommunikation eh recht schwierig ist, laufen wir nach langem hin und her einfach weiter. Kurze Zeit später schließt die Eskorte wieder auf. Wir laufen durch die faszinierende Landschaft. Vorbei an Dörfern und Farmen. Die Kamele gehen gut und machen einen zufriedenen Eindruck. Nur Bianca scheint etwas aufgeregt zu sein. Vermutlich vermisst sie die Herde. Mit ihren vier Jahren ist sie noch ziemlich jung und unerfahren.

Iman und ein Bewohner aus dem Dorf fahren mit dem Auto heran. Auch sie versuchen uns zu folgen. Iman berichtet, dass sie zwei bewaffnete Bauern gesehen haben, die weggerannt sind als sie das Polizeifahrzeug gesehen haben. Vermutlich hatten sie es auf uns abgesehen. Wir haben ein mulmiges Gefühl und sind nun doch sehr froh die Eskorte zu haben.

Mittags erreichen wir die Hauptstraße und folgen ihr noch ein Stück bevor wir eine Pause einlegen. Wir binden die Kamele an Bäume, die sie gern fressen und machen es uns gemütlich. Kaum ist die Decke ausgebreitet, Tee, Obst und Brot mit Aufstrich serviert, passiert der erste Zwischenfall. Gabi stürzt in ein ausgetrocknetes Flussbett, und kommt nicht mehr alleine hoch. Der Rand ist bei der Futtersuche unter ihren Füßen weggebrochen. Wir reagieren schnell und unkordiniert. Erst wollen wir sie Aufrichten, dann entladen wir sie doch erstmal. Kaum ist das Problem unter Kontrolle gebracht, folgt das nächste. Bianca hat sich losgerissen und spaziert Richtung Heimat. Wir sammeln sie ein und befestigen sie an einem Busch. Sie zappelt umher und wirft sich zu Boden. Wir probieren sie zu beruhigen und entladen sie. Einer der teuren Faltkanister tropft bereits und muss ausgetauscht werden. Hat sie nur wegen des kalten Wassers, das ihr den Bauch heruntergelaufen ist, so reagiert? Nachdem alles wieder unter Kontrolle gebracht ist, brechen wir die Pause ab.

Schon genug Zeit haben wir verloren. Etwa 20km liegen noch vor uns. Wir marschieren in strammem Tempo. Bibi beruhigt sich und kann wieder an die Karawane gebunden werden. Am Nachmittag zeigen die Kamele die ersten Anzeichen von Erschöpfung. Gabi wird so langsam, dass wir nur noch schleppend voran kommen. Die Polizei macht uns Druck: „Es wird bald dunkel, beeilt euch“. Nach kurzem besprechen laden wir Gabis Gepäck auf den Polizeipickup. Wir wollen sie entlasten, damit sie die letzten 4km noch schafft.

Bei Sonnenuntergang erreichen wir die Rettungsstation. Ziege und Waschbär suchen Essen für die Kamele, während ich das Gepäck von der Polizei entgegen nehme und einen geeigneten Zeltplatz suche.

Es wird dunkel. Wir stehen verzweifelt vor der Rettungsstation. Die Tiere finden kaum Fressen in der Umgebung. Das Zelt entfernt aufzubauen ist aber zu gefährlich. Nette Rettungssanitäter bitten uns herein und bieten uns an im Gebetsraum zu schlafen. Die Küche können wir benutzen, beim Essen sollen wir uns bedienen und Futter für die Kamele können sie organisieren. Wieder einmal sind wir überwältigt von der iranischen Gastfreundschaft. Wir entschließen uns ein, zwei Tage zu bleiben.

Heute haben wir viele Fehler im Umgang mit den Kamelen gemacht und es gibt viel zu tun. Die Wasserkanister müssen ersetzt und das Beladekonzepte überdacht werden. Mit Bianca wollen wir trainieren und sie an uns gewöhnen. Zum ersten Mal, in unserem kurzen Kameltreiberleben, können wir alleine, in Ruhe und in Sicherheit mit unseren Tieren trainieren. Bibi reagiert sehr nervös auf die Umgebung und selbst sie abzulegen, wird unter Umständen zur Tortur. Wir sind uns unsicher, ob wir das richtige Kamel gekauft haben.

Auch die zweite Etappe hat es in sich. 30km sind es bis zu einer Farm, die einem Verwandten von Iman gehört. Wir sind kaum 3km gelaufen, da dreht Bibi plötzlich durch. Irgendetwas hat sie erschreckt und sie buckelt wie verrückt. Die Wasserkanister fliegen durch die Gegend. Der Waschbär beruhigt sie und legt sie ab. Wir beginnen sie neu zu beladen. Weiter gehts. Viel Zeit haben wir bei dieser Aktion verloren. Auf die Mittagspause verzichten wir und essen unterwegs. Zu groß ist die Angst, dass Bibi wieder durchdreht und wir nicht in Ruhe essen können. In der Karawane, in Bewegung bleibt sie ruhiger. Wir sind langsam unterwegs und laufen bis in die Nacht. Um unsere Sicherheit machen wir uns dank der Polizeieskorte keine Sorgen. Bibi reagiert jedoch sehr ängstlich auf die Dunkelheit und die Lichter der vorbeifahrenden Autos. Das letzte Stück ist eine Tortur. Zum krönenden Abschluss müssen wir über die vielbefahrene Hauptstraße.

Um halb 8 kommen wir auf Majits Farm an. Unsere Mädels werden bei seinen Schafen, Ziegen und Kamelen untergebracht. Sie bekommen Essen, Trinken und können sich ausruhen. Wir schlafen im Kämmerchen neben an, zusammen mit einem afghanischen Gastarbeiter.

Am Abend machen wir uns ernsthaft Gedanken, wie es mit Bibi weiter gehen soll. Mit ihren ängstlichen, panischen Reaktionen ist sie eine Gefährdung für uns und die anderen Kamele. Wir müssen häufig an Straßen entlang oder sie sogar überqueren. Im Gebirge müssen wir vermutlich durch den ein oder anderen Tunnel. Wenn sie uns oder eins der anderen Kamele in Panik vor ein Auto zehrt, können wir uns das nicht verzeihen. Um mit ihr zu trainieren und sie auf diese Reise vorzubereiten fehlt uns die Zeit. Die Vorbereitung haben schon sehr lange gedauert und unser Visum reicht eh nicht aus um den Iran zu durchqueren. Also treffen wir, auch wenn es uns schwer fällt eine Entscheidung. Wir lassen Bibi zurück. Hier wird es ihr gut gehen. Sie hat Essen, Trinken und zwei Spielkameradinnen. Majit wird sich gut um sie kümmern und kann uns helfen sie zu verkaufen. Den nächsten Tag nutzen wir zum umstrukturieren. Das Gepäck muss reduziert werden, damit wir auch mit zwei Kamelen gut voran kommen.

Am Abend sind wir bei Majit und seinen 7 Brüdern zum Abendessen eingeladen. Wir besprechen mit ihm unsere geplante Route. Bis nach Jiroft soll es mit Polizeieskorte weiter gehen und dann auf eigene Faust durchs Gebirge. Sie machen sich Sorgen. Im Gebirge sei es zu kalt und es liege viel Schnee. Unsere Dromedare sein die Kälte nicht gewöhnt und werden dort oben erfrieren. Wie so oft ist der Waschbär recht unbesorgt: „Die packen das schon. In Deutschland haben die doch auch kein Problem mit dem Winter“. Ziege und ich machen uns Gedanken. Bisher hatten die Leute hier meist Recht mit ihren Ratschlägen und in Deutschland haben die Dromedare genug Zeit sich an die Kälte zu gewöhnen. Wir wollen in wenigen Tagen von 500m auf 2500m höhe. Das sind Temperaturdifferenzen von bis zu 20°C. Schon letzte Nacht bei 5°C und Regen haben unsere Kamele gezittert. Wir wissen nicht mehr weiter und fragen unsere Kamelmentorin Gabi um Rat. Auch sie findet die Temperaturdifferenz bedenklich. Kamele können sich zwar an die Kälte gewöhnen, doch dafür brauchen sie Zeit. Neues Fell muss ja schließlich erstmal wachsen. Wir sind frustriert und wissen nicht weiter. Vor uns liegt überall Gebirge und hinter uns die gefährliche Opium Region. Völlig ungenügend war unsere Planung. Bisher ist eigentlich alles schief gelaufen. Naja, jetzt kann es ja nur noch besser werden. Also raffen wir uns zusammen und überlegen wie es weiter geht. Wir wollen endlich mit unseren Kamelen raus in die Natur und in unserem Zelt schlafen. Also beschließen wir die Kamele auf einen Truck zu laden und die scheiß Opium Gegend und das kalte Gebirge endlich hinter uns zu lassen.

Dies ist leider garnicht so einfach. Hierfür benötigen wir eine Beförderungsgenehmigung vom Veterinäramt. Diese kann aber nicht ausgestellt werden, da die Registrierung unserer Kamele noch nicht abgeschlossen wurde. Das System ist schon seit Tagen offline. Somit sitzen wir hier erstmal fest. Iman probiert dem Veterinäramt die Dringlichkeit unserer Lage klar zu machen.

Die Tage auf der Farm nutzen wir zum Kameltraining, Orangensammeln und Schlemmen. Eines Tages, als uns schon die Langeweile plagt, beschließen Waschbär und ich die Kamele auf ihre Reittauglichkeit zu prüfen. Entsprechend der Proportionen nimmt er Daggie und ich Gabi. Gemütlich geht es los. Wir sind erstaunt wie gut die Tiere unseren Kommandos folgen. Ich treibe Gabi mit einem Palmwedel an und plötzlich gibt sie Gas. Im Galopp heize ich am Waschbär vorbei. Der guckt recht blöd und beginnt nun auch Daggie anzutreiben. Wir liefern uns ein wildes Kamelrennen, vorbei an Dattelpalmen und Orangenbäumen. Was ein Tag. So viel Spaß hatten wir lange nicht mehr.

Am Abend kommt der langersehnte Anruf von Iman. Morgen können wir unsere Beförderungsgenehmigung im Veterinäramt in Jiroft abholen.

Dort angekommen wird wie so oft Tee getrunken und viel geredet. Langsam nehmen die Beamten die Arbeit auf und probieren uns zu helfen. Einige Stunden später, die enttäuschende Nachricht. Sie haben alles versucht, aber bevor das System nicht online ist, können sie uns nicht helfen. Was für ein Scheiß, dafür haben wir den halben Tag hier verschwendet. Einer versucht uns aufzumuntern. Er versteht nicht warum wir so traurig sind. Wir schildern ihm unsere Visa Problematik. Plötzlich hat er noch eine Idee. Er greift zum Hörer. Alles kommt wieder ins Rollen. Es wird getippt, telefoniert und viel diskutiert. Dann die erfreuliche Nachricht. Sie haben den obersten Chef gefragt und dieser hat unseren Antrag genehmigt. Wir können die Beförderungsgenehmigung in Anbarabad abholen. Noch heute können die Kamele verladen werden. Also ab zurück zur Farm.

Mitgenommen werden wir von Kaveh. Das Veterinäramt hat uns zu ihm vermittelt. Er ist in Berlin aufgewachsen und nun wieder zurück in den Iran gezogen, um die Putenfarm seiner Familie zu übernehmen. Es tut gut mit jemandem zu sprechen, der uns versteht. Wir lernen viel über die iranische Kultur und die Gegend. Die Einladung auf seine Eco-Lodge können wir leider nicht annehmen. Noch heute soll es übers Gebirge nach Sirjan gehen.

Zurück an der Farm warten Majit und seine Brüder schon auf uns. Sie haben den Wisch aus Anbarabad abgeholt und einen Truck für uns organisiert. In einer Stunde soll es losgehen. Also beginnen wir zu packen. Eigentlich wären wir lieber erst am nächsten Morgen gefahren, aber zu groß ist die Angst, dass irgendetwas dazwischen kommt.

Abends um 19 Uhr beginnen wir das Verladen. Die Kamele haben darauf gar kein Bock. Nur mit viel Gedränge und Gezerre können sie auf die Ladefläche gebracht werden. Die Iraner gehen nicht gerade zimperlich mit den Tieren um. Aber anders ließen sie sich wohl kaum auf die Ladefläche bringen. Mit schlechtem Gewissen sitzen wir im Truck. Was die armen Kamele mit uns durchmachen müssen. Es geht 7 Stunden übers kalte Gebirge. So gut wie möglich haben wir sie mit Decken und Planen eingepackt.

Wir hoffen, dass sich die Strapazen lohnen und wir endlich machen können wofür wir hier sind. Mit Kamelen durchs Land ziehen, wie Nomaden.

Unser nächstes Ziel ist Yazd, dort wollen wir unser Visa verlängern lassen. Wir freuen uns auf die anstehenden Etappen und die ersten Nächte in unserem gemütlichen Zelt.