Log 2 – Der Kamelkauf

Auf dem Weg nach Bandar Abbas verändert sich die Landschaft und das Klima. Es wird wärmer und trockener. Wir kommen in die Wüste, ins Kamel-Terrain.

In Bandar treffen wir Iman, der selbst Kamelfreund ist und uns beim Kamelkauf unterstützen will. Unsere Idee findet er genial und würde uns am liebsten begleiten. Nachdem wir die letzten Besorgungen in der Stadt erledigt haben, fahren wir Richtung Rudbar (Kerman Provinz), Imans Heimat.

Er erzählt uns, dass die Kamele hier für den Opiumschmuggel verwendet werden und daher hervorragend für unser Vorhaben ausgebildet sind. Wir kommen bei Imans Familie in der nächst größeren Stadt Kahnuj unter. Rudbar und die anderen umliegenden Dörfer seien laut Iman zu gefährlich zum Übernachten, geschweige denn zum Zelten. Von Imans Schwager Yaqub und seiner Familie werden wir herzlich empfangen. Seine Frau Fatemeh kocht sehr lecker für uns, wir spielen mit den zwei Kindern und nachts wird die Shisha angefeuert. Wir genießen die iranische Gastfreundschaft in vollen Zügen.

Am nächsten Morgen beginnt die Kamelsuche. Von Kahnuj geht es raus nach Rudbar und in die umliegenden Dörfer. Die Auswahl ist begrenzt. Wir suchen drei weibliche Reitkamele, denn Hengste lassen sich im Winter, in ihrer Brunft nur schwer bändigen. Kastriert werden die Tiere im Iran nicht. Trotzdem reiten die Iraner hauptsächlich die Hengste. Sie seien kraftvoller und lassen sich durch das Einbringen von Schmerzen über den Nasenpflock in Zaum halten. Weibliche Tiere werden eher zur Zucht und Milchgewinnung genutzt. Wir hoffen gutmütige Kamele zu finden, die noch keine allzu schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht haben. Vielleicht lassen sich die Tiere sogar ohne Nasenpflock kontrollieren.

Beim ersten Kamelhändler sehen wir gleich was wir befürchtet haben: Ängstliche, verstörte Kamele, die vor uns fliehen. Der Verkäufer versichert uns, dass sie nur so ängstlich seien, weil sie vor kurzem von einem Hengst gedeckt wurden. Wir winken dankend ab und nach viel Gerede geht es weiter zum nächsten Händler.

Eine Stunde über matschige Schotterpisten. Viele Wege sind nicht passierbar, weil es vor kurzem geregnet hat. Wir sind in Sorge überhaupt ein Kamel zu finden, welches unseren Ansprüchen genügt.

Auch die nächsten zwei Tage verbringen wir mit der Kamelsuche, trinken viel Tee und werden oft zum Essen oder Opium rauchen eingeladen. Wir lehnen ab. Schnellstmöglich wollen wir unsere Tiere finden und raus in die Natur.

Schließlich können wir drei gutmütige Kamele finden. Wir benennen sie nach den drei Frauen, die uns bei den Reisevorbereitungen eine sehr große Hilfe waren: Gabi, Dagmar und Bianca.

Gabi ist ein sehr entspanntes Kamel, hochträchtig und wird vermutlich auf unserer Reise noch Nachwuchs bekommen. Daggie (Dagmar) ist schon etwas älter und recht schmächtig. Sie ist ein hervorragendes Reitkamel und lässt sich ohne Nachdruck frei reiten. Manchmal wirkt sie jedoch etwas geistesabwesend. Bibi (Bianca) ist mit vier Jahren unser Jungspund. Sie strotzt nur so vor Energie und scheint ein neugieriges und freundliches Gemüt zu haben.

Gabi

Daggie (Dagmar)

Bibi (Bianca)

Nun wo die Karawane zusammengestellt ist, geht der Stress erst richtig los. Es steht viel organisatorisches an und wir wissen garnicht so recht was eigentlich. Wie immer spricht keiner Englisch. Wie gut, dass uns Iman tatkräftig unterstützt. Wir versehen die Kamele mit einem Nummernschild (chipping) und machen gezwungenermaßen tierärztliche Untersuchungen.

Schon früh am morgen stehen wir im Veterinärbüro in Kahnuj. Wir bekommen Tee, es wird mal wieder viel geredet und Fotos gemacht. Etwa zwei Stunden später sitzen wir mit drei Spritzen und drei Kanülen bewaffnet im Auto auf dem Weg zu unseren Kamelen. Im Dorf finden wir nur zwei unserer Kamele auf. Das dritte wird erst auf Nachdruck heute transportiert. Im gleichen Moment ruft der Veterinärbeamte aus Rudbar an. Er habe kein Auto und wir sollen ihn abholen. Also ab nach Rudbar. Dort treffen wir auch unser Kamel Dagmar, die auf einen Pickup geladen wurde. Den Tee in Rudbar lehnen wir dankend ab und nehmen den Beamten nach ein paar Selfies mit. Er stellt fest, dass wir nur drei Kanülen haben, er selbst aber gar keine, wir brauchen jedoch sechs. Also kaufen wir noch schnell ein paar in der Tierapotheke nebenan. Als erstes kümmern wir uns um Dagmar, die steht ja eh noch in Rudbar. Nach viel Rumgestochere gesteht der Beamte, dass er keine Ahnung hat, wo sich die Halsschlagader befindet. Wir holen seinen Kollegen im Büro ab. Er weiß zum Glück wo das Blut zu entnehmen ist. Dann geht es raus ins Dorf und wir kümmern uns um die anderen beiden Kamele. Am späten Nachmittag sitzen wir mit drei Blut- und drei Speichelproben im Auto und fahren 100 km nach Jiroft. Die Proben sollen wir dort selbst abgeben. Wir sind genervt von der Unprofessionalität der Behörden. Dann, als der Tag eigentlich kaum noch schlimmer werden kann, schneidet uns kurz vor Jiroft ein Auto. Mit dem Waschbär am Steuer rammen wir es am Heck und der andere Wagen schlägt frontal in eine Kreisverkehrsinsel ein. Wir bleiben unverletzt und unser Auto hat nur einen leichten Blechschaden. Wir schauen nach den anderen. Der Fahrer hat Schmerzen am Arm und die Stoßstange des Wagens hängt im Vorderrad. Kurz darauf sind schon Polizei und Krankenwagen vor Ort. Die Situation klärt sich rasch. Die anderen waren zu schnell und sind damit Schuld. Unseren Schaden müssen sie zahlen. Nach ein paar Bildern mit der Polizei geht es weiter und wir liefern endlich die Blutproben ab. Nachts kommen wir dann total erledigt wieder bei Yaqub in Kahnuj an.

Jeder Behördengang kostet viel Zeit. Es wird viel geredet, Tee getrunken und die Tage verstreichen. Obwohl wenig voran geht sind die Tage lang und anstrengend. Auch die Nächte sind kurz, denn Abends werden wir mit iranischer Gastfreundschaft überhäuft. Ständig sind wir bei Freunden von Iman und Yaqub zu Gast. Alle wollen unsere Geschichte hören und uns beraten bzw. belehren. Oft werden wir auf die Sicherheitslage in dieser Opiumregion hingewiesen. Die Leute sagen, dass die Gegend nicht ganz ungefährlich sei. Wir wissen nicht, was wir davon halten sollen. Die Menschen wirken hilfsbereit und freundlich.

Dann zwei Tage bevor die Tour beginnt, eine brenzliche Situation. Wir kommen erst im Dunkeln aus dem Dorf los, in dem unsere Kamele stehen. Nur ein paar hundert Meter nach dem Dorf rast auf einmal ein Auto heran. Es fährt seitlich an uns ran und ein Mann schreit uns auf Persisch an. Iman drückt aufs Gas und wir liefern uns eins kurzweilige Verfolgungsjagd auf der holprigen Piste. Die Verfolger geben zum Glück schnell auf. Iman ist immer noch panisch und heizt wie verrückt. Wir probieren ihn zu beruhigen. Nach einiger Zeit kommt er wieder runter. Er übersetzt was die Verfolger geschrien haben: „Halt stopp, öffnet die Tür!“ und befürchtet, dass sie uns überfallen wollten.

Zurück bei Yaqub ist niemand verwundert. „Was treibt ihr euch auch Nachts im Dorf rum?“ sagen sie nur. Morgen hat Iman noch einen Termin bei der Tourismusbehörde für uns vereinbart und am folgenden Tag soll die Reise beginnen. Seit Tagen sind wir was die Sicherheitslage angeht im Zwiespalt. Sollen wir auf die Leute hören? Oder sollen wir dem Bauchgefühl des naiven Waschbären vertrauen und es riskieren?