Log 1 – Aufbruch ins Ungewisse

Tag X. Der Countdown ist abgelaufen. Die langersehnte Kamelexpedition beginnt.

Es ist der 3. Januar 2020 als wir mit unserem gesamten Gepäck in Augsburg in den Zug Richtung Orient steigen.

Die letzten Tage vor der Abreise kamen uns wie Monate vor. Ständig plagte uns das Gefühl etwas in der Planung, bzw. der Vorbereitung vergessen zu haben. Wir beruhigen uns damit, dass sowieso einiges schief gehen wird und wir vorab niemals alle Aspekte der Reise berücksichtigen können. Wir werden unterwegs den Möglichkeiten entsprechend entscheiden und handeln müssen.

Aber zunächst müssen wir an unseren Ausgangspunkt – den Süden des Irans (Bandar Abbas) – kommen. Da wir uns für das Zugfahren entschieden haben, wartet eine 8 tägige Anreise auf uns. 122 Stunden davon werden wir im Zug, bzw. zwischen Bukarest und Istanbul im Bus verbringen. Den Rest der Zeit halten wir uns an den Zwischenstopps – Budapest, Bukarest, Istanbul und Tehran – auf.

Die erste Etappe von Augsburg nach Budapest ist mit 8 Stunden Fahrt die kürzeste. Hier verbringen wir die Nacht bei unserem Couchsurfer-Host Istvan.

Der 20 minütige Weg vom Bahnhof bis zu Istvan nach Zuhause ist mit dem ganzen Gepäck anstrengender als erwartet. Immerhin schleppt jeder von uns um die 35kg, aufgeteilt auf einen Dufflebag auf dem Rücken und einen Rucksack an der Brust. Da die Duffles allesamt keinen Hüftgurt haben, drückt das gesamte Gewicht auf unsere Schultern. Schon nach kurzem tragen fängt die Nackenmuskulatur an zu brennen wie Feuer. Der einzige Trost: Die Duffles sind sehr geräumig (110l) und lassen sich hervorragend auf Lastentiere packen.

Beim Couchsurfer angekommen öffnet ein verkaterter aber freundlicher Ungare die Tür. Wir sind dankbar, dass wir bei ihm schlafen dürfen. Bei unserem geplanten Budget von 5€ am Tag wäre ein Hostel nicht drin gewesen.

Wir besorgen Proviant für die nächste Etappe, nächtigen bei ihm und erkunden etwas die Stadt, ehe wir in den Zug nach Bukarest steigen.

Diesmal werden wir 17 Stunden im Zug sitzen, allerdings über Nacht, ohne Schlafwagen. Also machen wir es uns auf den unbequemen Sitzen gemütlich und versuchen zu schlafen. Trotz der Lampen, die die gesamte Nacht wie Tageslicht strahlen, können wir mit einer Jacke über dem Gesicht hervorragend schlafen. Hin und wieder wachen wir auf und etwaige Gliedmaßen sind eingeschlafen. Aber daran werden wir uns gewöhnen müssen.

Den Umständen entsprechend kommen wir gut erholt – Mittags um 12 Uhr – in Bukarest an. Zu unserem Glück haben wir auch hier einen Couchsurfer-Host (Dan) gefunden, der uns drei bei sich aufnimmt. Ausnahmsweise schlafen wir allerdings nicht bei ihm zu Hause, sondern in seinem Hostel (Podstel). Nach alter Couchsurfer Manier natürlich kostenlos, was sich wieder positiv auf unser Budget auswirkt.

Vom Bahnhof verschlägt es uns direkt zu Dan ins Hostel, damit wir unser Gepäck ablegen und uns frei bewegen können.

Im Hostel angekommen kümmert man sich liebevoll um uns und wir freuen uns schon – nach einer ungemütlichen Nacht im Zug – auf ein Bett. Unser Reisevorhaben findet unter den Leuten im Hostel großen Gefallen aber auch Gelächter.

Am nächsten Tag geht es – ausnahmsweise mit dem Bus – weiter nach Istanbul. Wir wären lieber mit dem Zug gefahren aber dieser fährt nur im Sommer. Also müssen wir uns mit 12 Stunden Busfahrt zufrieden geben. Schon nach der ersten Stunde hat der Busfahrer bestimmt eine Schachtel Zigaretten weggeraucht und das bei geschlossenem Fenster. Kurz wünschen wir uns das deutsche Rauchverbot, finden uns dann aber mit der Situation ab und versuchen zu schlafen. Vergebens. Es stinkt nach Qualm und der Bus wackelt von links nach rechts.

Die Grenze nach Bulgarien können wir ohne Kontrollen überqueren. Von hier gurken wir über Landstraßen bis an die türkische Grenze. Mitten in der Nacht kommen wir dort an und müssen unser gesamtes Gepäck einem Alibi-Röntgen-Check unterziehen. Wirkliches Interesse an dem Inhalt zeigt keiner der Grenzbeamten.

Als Deutsche bekommen wir bei Ankunft ein 3 Monats Visum und steigen dann zurück in den Bus. Weiter geht’s auf der türkischen Autobahn. Wir sind hier zwar deutlich schneller unterwegs, sind uns aber sehr unsicher ob wir wirklich nachts um 5 Uhr in Istanbul ankommen möchten. Wir haben nämlich keine Unterkunft und bleiben bis 22 Uhr in dieser riesigen Stadt mit all unserem Gepäck. Eine andere Wahl haben wir aber eh nicht. Also stehen wir sau müde nachts um 5 Uhr in strömendem Regen mitten in Istanbul und haben keine Ahnung was wir machen sollen.

Wir überlegen an welchen öffentlichen Orten wir uns gut ausruhen könnten. Glücklicherweise befindet sich in der Nähe des Abfahrtsbahnhofs ein Flughafen. Dort gibt es Toiletten und wir können uns ohne großartig aufzufallen einfach auf den Boden legen. Der Plan verpufft als wir erfahren, dass der Flughafen vor knapp 3 Monaten geschlossen wurde. Also fahren wir stattdessen erstmal zum besagten Bahnhof. Wir haben gehofft wir können uns dort aufhalten aber der Bahnhof erinnert eher an eine S-Bahn Station mit 4 Gleisen. Eine Bahnhofshalle gibt es leider nicht. Dennoch können wir ein Schließfach für unser Gepäck finden und sind froh alles losgeworden zu sein.

Die Stadt erkunden kommt bei dem Regen und der Müdigkeit nicht in Frage. Also suchen wir weiterhin nach einem trockenen und gemütlichen Ort.

Bei einem kurzen Brainstorming kommen wir auf die Idee uns in die Universität zu chillen. Zufälligerweise befindet sich diese in der Nähe. Wir fackeln nicht lange und laufen 2km durch den Regen bis zur Uni.

Dort angekommen müssen wir feststellen, dass die Universitäten hier nicht so öffentlich sind wie bei uns. An den Eingänge finden Kontrollen statt. Nur Studenten und Mitarbeiter dürfen passieren. In erfinderischer Not geben wir uns als Erasmus interessierte Studenten aus Deutschland aus und fragen ob wir uns die Uni anschauen dürfen. Da wieder keiner Englisch spricht werden wir zunächst an das Englisch-Office (3 äußerst nette Damen) verwiesen. Es stellt sich heraus, dass die drei Damen des Englisch-Office äußerst kommunikativ sind. Wir werden von Ihnen in die Uni gebeten und auf ein Tee eingeladen. Wir sind nicht ganz sicher ob sie uns die Erasmus Geschichte wirklich abkaufen aber der Tee schmeckt köstlich und die Unterhaltung ist lustig. Die Mädels meinen wir sind am falschen Campus und schicken uns zum Haupt-Campus. Zum Glück fährt vor der Tür ein Shuttlebus. Wir zögern nicht lange, trinken den Tee aus und fahren rüber. Dort angekommen nutzen wir die Zeit endlich zu frühstücken und uns frisch zu machen. Die restliche Zeit lungern wir auf irgendwelchen Sofas rum, werden von den Leuten komisch angeschaut und schlafen immer mal wieder ein paar Minuten.

Wir sind heil froh als endlich die Zeit gekommen ist auf den Zug nach Ankara zu gehen. Erneut fahren wir über Nacht, diesmal neun Stunden. Erneut sind die Lampen hell und der Lärmpegel hoch.

In Ankara sind wir auch den Tag über, allerdings nicht ganz so lange und ohne Regen. Wir stocken dort unseren Proviant auf und können es uns in der warmen Bahnhofshalle gemütlich machen, bis endlich der Zug nach Teheran abfährt. Wir freuen uns drauf im Zielland anzukommen. Jedoch erfahren wir noch in der Türkei von politischen Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Die USA soll einen iranischen General auf irakischem Boden getötet haben, woraufhin der Iran einen Vergeltungsschlag auf einen US-Stützpunkt im Irak ausübte. Das Auswärtige Amt rät von nicht dringenden Reisen in den Iran ab. Der Ausgang der Lage ist unklar. Trump verkündet allerdings weitere Ziele im Iran bombardieren zu wollen. Unsere Reise ist in Gefahr und wir können die Lage überhaupt nicht einschätzen. Unser Zug in den Iran fährt jedoch in einigen Stunden und wir müssen eine Entscheidung treffen. Wir gehen davon aus, dass wir ohnehin nicht einreisen dürfen, sollte sich die Lage weiter verschlechtern. Also steigen wir in den Premium-Zug mit Schlafabteil nach Tehran.

Diese Etappe erstreckt sich über knapp drei Tage, sprich 54 Stunden. Wir haben allerdings keine Ahnung ob es an Board was zu Essen und zu Trinken gibt. Sicherheitshalber haben wir genug Proviant dabei. Was wir auch nicht genau wissen ist, wann, bzw. wo wir auf eine Fähre umsteigen müssen. Im Internet war schwammig die Rede davon. Nachfragen können wir nicht weil keiner Englisch spricht. Also lassen wir es auf uns zukommen.

Der Zug ist relativ leer und wir drei teilen uns eine eigene 4er Kabine mit herunterklappbaren Betten. Ziemlich gemütlich. Die Vorfreude ist groß.

Der Blick aus dem Fenster offenbart wunderschöne Landschaften, die sich langsam wandeln. Wir fahren an blauen Seen, felsigen Klippen und schneebedeckten Gipfeln vorbei. Regelmäßiger Begleiter: Das Tönen von Eulis Mundharmonika.

Tatsächlich erreichen wir nach geraumer Zeit den Zwischenstopp “Tatvan” und müssen hier auf eine Fähre umsteigen. Auf der anderen Seite des Sees angekommen wartet der iranische Zug auf uns, welcher uns zur iranischen Grenze und anschließend bis nach Tehran bringt.

Der Service im neuen Zug ist deutlich besser. Es gibt Wasser, Tee und günstiges Essen.

Die Grenze erreichen wir um 4 Uhr nachts. Völlig unmotiviert müssen wir erneut unseren Grempel zusammenpacken und mitsamt Gepäck an die Grenze laufen. Nachdem alle Iraner gecheckt wurden sind die Touristen an der Reihe. Außer uns ist dort nur noch ein deutsches Ehepaar. Nach einiger Zeit bekommt erst das Ehepaar ihr Visum, dann Ravi und ich (Benni). Nur bei der Eule dauert es Ewigkeiten mit dem Visum. Immer mehr Beamten versammeln sich hinter dem Computer und scheinen Eules Unterlagen zu checken. Wir fangen an uns darüber lustig zu machen aber nach einiger weiterer Wartezeit kommt die Antwort auf das lange grübeln der Beamten. Glücklicherweise spricht einer der Iraner an der Grenze Englisch und kann übersetzen. Die Grenzbeamten sprechen nämlich nur persisch. Der englisch sprechende Iraner teilt uns mit, dass Eule sein Visum nicht im System aufgefunden werden kann. Ohne gültiges Visum darf er nicht einreisen, heißt es. Wir diskutieren vergeblich, rufen die Botschaften an aber keine Chance in Deutschland ist es mitten in der Nacht.

Was machen wir? Der Zug will weiter fahren und der Stresspegel steigt. Die Grenzbeamten bieten der Eule an im Gebetsraum zu nächtigen und morgen die Behörden anzurufen. Wir können nur hoffen, dass sich die Problematik schnell regeln lässt. Ravi und ich werden jedenfalls weiter fahren in der Hoffnung schonmal Kamel besorgen zu können. Es tut uns im Herzen weh die Eule an der Grenze stehen zu lassen aber wir wissen, dass er in der Lage ist die Situation auch alleine zu meistern.

Ravi und ich fahren weiter bis nach Tehran, finden uns bei einheimischen – und zwar bei Jeff – ein, werden hier rundum versorgt und hoffen dass die Eule bald nachkommt. In der Hoffnung eine Nachricht von der Eule zu erhalten schalten wir das Handy an und siehe da eine Nachricht. Und zwar sitzt die Eule im Bus nach Tehran und trifft nur einige Stunden nach uns beim Couchsurfer ein. Wir checken nicht wie er das gemacht hat, freuen uns aber, dass er bald da ist. Auch die Eule freut sich über den herzlichen Empfang bei Jeff. Er hat die Nacht und den ganzen Tag ohne Essen und nur mit Tee zu trinken überstehen müssen.

Am nächsten Tag geht’s weiter an unseren Zielort – Bandar Abbas – und zwar mit dem Zug, 23 Stunden Fahrt.

Wir kommen am Morgen bei Jeff etwas spät los, steigen ins Taxi und fahren Richtung Bahnhof.

Als der Taxifahrer uns plötzlich am Flughafen raus lassen will, realisieren wir, dass er kein Wort verstanden hat. Auch jetzt schaffen wir es nicht ihm klar zu machen, dass wir zum Bahnhof wollen. Nicht mal Google Translator kann uns hier noch helfen. Der Taxifahrer sucht nach Rat am Straßenrand. Gute Idee. Der Mann an der Straße versteht sofort wo hin wir müssen und erklärt es dem Fahrer. Dieser fährt allerdings nicht entlang der Schnellstraße sondern über kleine Gassen. Beim Blick auf die Uhr realisieren wir, dass uns nur noch wenige Minuten bleiben. Um 11 Uhr soll der Zug abfahren. Wir haben 5 vor 11 und sind noch den ein oder anderen Kilometer entfernt. Es ist kurz nach 11 als wir endlich am Bahnhof ankommen. Wir geben die Hoffnung aber nicht auf, packen unser Gepäck und rennen. Zu erst geht die Schiebetür vom Bahnhof nicht auf, dann müssen wir durch Sicherheitskontrollen, anschließend durch Passkontrollen bis wir endlich Richtung Gleis rennen. Das Laufen mit den Duffles war schon schlimm aber rennen? Eine Tortur. Am Gleis angekommen können wir nur noch zuschauen wie der Zug gerade abfährt. Hoffnungslos und enttäuscht werde ich langsamer. Die Eule lässt sich aber nicht unterkriegen und rennt weiter. Einer der Bahnhofmitarbeiter sieht die Eule, wie er dem Zug hinterher rennt. Zum Glück hat der Mann ein Funkgerät und kann den Zugfahrer über unsere missliche Lage verständigen. Siehe da, der Zug kommt zum stehen und wir springen alle nacheinander auf.

Was ein Stress aber wir haben es geschafft. Ab nach Bandar Abbas. Endlich zu den Kamelen!