Log 4 – Die unendliche Weite der persischen Wüste

Die Fahrt über das Gebirge ist der reinste Horror. Zu dritt quetschen wir uns zu dem Fahrer in die Kabine und versuchen zu schlafen. Dieser ist sichtlich genervt von unseren Käse-Füßen. Die Ziege trägt nämlich aus Sparsamkeit immer das gleiche Paar Socken. Obendrein schnarchen die Eule und ich lautstark. Hinten auf dem Transporter zittern unsere Kamele während wir durch das zugeschneite Gebirge fahren. 

Als wir am Morgen in Sirjan ankommen, sind wir alle froh. Vor allem der Fahrer, der endlich diese Gammel-Deutschen loshat. Auch wir sind heilfroh, dass es unseren Tieren gut geht und es tagsüber schön warm ist. Wir beladen die Kamele und stapfen erst mal Richtung Felder. Hauptsache weg von der Straße. Es tut unheimlich gut endlich unterwegs zu sein. Die Gegend ist trocken und gut besiedelt. Überall sind Felder mit Pistazienbäume angelegt. Dennoch ist es hier angenehm ruhig. Wir schlängeln uns an Dörfern vorbei, ehe wir zum ersten Mal unser Alfheim Tipi Zelt aufschlagen. Besonders weit sind wir nicht gelaufen, denn wir wollen den Tieren eine Auszeit von den Strapazen gönnen. Morgen soll es dann richtig losgehen.

Unsere Etappe verläuft 100 km von Sirjan nach Shar-e Babak. Bei geplanten 20 km pro Tag wollen wir dort in fünf Tagen ankommen. In der Ferne folgen wir dem Lauf der Straße Richtung Norden. Am nächsten Morgen packen wir alles zusammen und Stiefeln los. Nach ein paar Kilometer geht das besiedelte Farmland in eine karge wüstenähnliche Weite über. Die letzten Möglichkeiten, unsere Wasserkanister aufzufüllen haben wir ausgelassen. Eule und ich sind optimistisch, dass die Siedlungen bald weitergehen. Bestimmt können wir später unser Wasser auffüllen. Also laufen wir weiter. In der Weite ist nichts außer trockene Steppe zu sehen. Allmählich fängt Gabi an langsamer zu werden. Mit kontinuierlichem Zug am Führstrick bekomme ich sie dazu schneller zu gehen. Wir wollen bis zur Dämmerung ein Zeltplatz und Wasser finden. Doch in der Nachmittagssonne wird Gabi immer müder. Dass sie jetzt schlapp macht, passt mir überhaupt nicht. Ich hänge sie an das Ende der Karawane und führe Daggi vorneweg. Sie macht einen fitteren Eindruck und zieht Gabi mit. Die Wasserknappheit zwingt uns zum Weiterlaufen. Unsere 80 l Kanister sind nur zu einem Viertel gefüllt. Das reicht keine zwei Tage. Dann macht es plötzlich Rums! Gabi kann nicht mehr. Vor Erschöpfung hat sie sich abgelegt und will nicht mehr weiter.

Jetzt kommt alles zusammen und der Ziege wird es zu viel. Die ganze Zeit liefen wir angespannt nebeneinander her. Jetzt platzt ihm der Kragen. Er schildert uns, dass wir uns durch unüberlegtes und optimistisches Verhalten oft in solch misslichen Lagen befinden. Wieso muss es denn immer so weit kommen? Wieso füllen wir Wasser nicht einfach auf, wenn es zur Verfügung steht oder weswegen überfordern wir ein sichtlich geschwächtes Tier? Viele dieser Situationen lassen sich durch ein kurzes gemeinsames Plenum im Team verhindern. Stattdessen treffen wir eine Bauchentscheidung und wundern uns im Nachhinein über die Konsequenzen. Mir ist klar, dass diese Botschaft hauptsächlich an mich gerichtet ist. Anders als die Ziege bin ich kein besonders guter Denker. Ich handle intuitiv aus der Gefühlswelt heraus und lasse mich von meinen Emotionen leiten. Das führt tatsächlich des Öfteren dazu, dass ich mich in misslichen Situationen befinde. Es ist schwierig, sich einzugestehen, dass der eigene Weg nicht der richtige ist. Und noch schwieriger ist es, aus einem Idealisten einen Realisten zu machen. Ziege hat recht, ohne Taktik und vorausschauendes Denken kommen wir nicht weit. Wir müssen uns mal hinsetzen und auf einen gemeinsamen Nenner kommen.

Doch vorerst brauchen wir Wasser! An der Straße gibt es bestimmt welches. Dort befindet sich eine große Fabrik. Die anderen beiden laufen mit den Kanistern los, während ich bei den Tieren bleibe. Nach einer halben Stunde kehren sie mit Wasser zurück – was für eine Erleichterung! Das Lager schlagen wir an Ort und Stelle auf und nutzen den Abend für eine Reflexionsrunde. Es ist nie einfach, wenn drei so unterschiedliche Persönlichkeiten aufeinandertreffen. Doch im Endeffekt verfolgen wir das gleiche Ziel und sind wohlwollend einander gestimmt. So ist es eben, wenn Herz und Verstand sich streiten.

Am nächsten Tag wird es nicht besser mit Gabi. Sie läuft 5 km und legt sich wieder ab. Wir sind ratlos. Sie schleppt nur 100 kg, was für ein Kamel ihres Gewichts kein Problem sein sollte. Überladung kann es also nicht sein. Findet sie vielleicht nicht genug Essen in der Gegend? Oder kommt bald das Junge zur Welt? Wir haben keine Ahnung, also rufen wir unsere Mentorin und die Namensvetterin von Gabi an: Gabriele Heidecke vom Kamelhof Nassenheide. Sie glaubt, Gabis Verhalten sei eine Kombination aus Erschöpfung und Manipulation. Die 20 bis 30 km pro Tag plus zusätzliches Gepäck sei das Tier nicht gewöhnt. Wir sollen kürzere Etappen stecken, um sie langsam an die Belastung zu gewöhnen. Außerdem sind Kamele sehr intelligente Tiere, meint Gabriele. Gabi hat realisiert, dass wir sie ruhen lassen, wenn sie sich während des Laufens ablegt. Dies führt dazu, dass sie dieses Verhalten wiederholt, auch wenn sie gar nicht wirklich erschöpft ist. Dagegen hilft nur strenges durchgreifen. Wir sind dankbar für Gabrieles Rat und die iranische Netzabdeckung.

Die nächsten Tage gehen wir es also gemütlich an. Wir laufen ein ruhiges Tempo und nicht weiter als 8 km. Gabi scheint sich allmählich zu erholen und wir können die Etappe auf 10 und letztendlich auf 15 km erhöhen. Bei uns dreien pendelt sich eine Tagesroutine ein. Zum Sonnenaufgang stehen wir auf und binden die Tiere los, damit sie sich fressen suchen. Nach einem kurzen Frühstück – bestehend aus Haferbrei und Tee – packen wir alles zusammen und beladen die Kamele. Meist brechen wir zwischen 9 bis 10 Uhr auf und laufen bis zur Mittagsstunde, zu der wir es uns mit Brot, Aufstrich und Obst gemütlich machen. Gabi und Daggi suchen sich dann Sträucher und Büsche in der Umgebung – je trockener, desto besser! Anschließend laufen wir bis kurz vor der Dämmerung. Nachdem wir das Lager aufgeschlagen haben werden Tee und Datteln serviert. Unsere Mädels bekommen als Belohnung ein Stück Brot und können sich dann, was zu Essen suchen. Den restlichen Abend verbringen wir mit Lesen, Ausrüstung nachbereiten und Abendessen vorbereiten.

Um die Aufgaben besser zu verteilen, haben wir verschiedene Dienste eingeführt, die täglich rotieren. Einer ist für das Kochen zuständig, einer für das Spülen und einer für die Tiere. Alles Weitere wie Zelt Auf- und Abbau erledigen wir gemeinsam. Auch in der Karawane hat jeder eine Aufgabe. Vorneweg läuft der Späher und sucht nach einem geeigneten Pfad. Der Karawanenführer führt die Tiere, während der Spotter hinterherläuft und schaut, dass nichts vom Tier fällt.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Aus unseren geplanten fünf Tagen bis nach Shar-e Babak ist nichts geworden. Als Zwischenstation steuern wir das kleine Dorf von Khartunabad an. Dort wollen wir unsere Vorräte auffüllen. Am lokalen Supermarkt sind wir die Attraktion schlechthin. Aus allen Ecken strömen Menschen, die mit uns Bilder machen wollen. Manche sind penetrant und aufdringlich. Sie wollen nur ein Foto für Instagram. Andere dagegen sind hilfsbereit und fürsorglich. So hilft uns z.B. ein Junge dabei unsere Gaskocher aufzufüllen und besorgt uns sogar Essen für die Kamele.

Vollbeladen stapfen wir weiter. Der Weg führt uns durchs Nirgendwo. Mal über Sand, mal über Kieselsteine. Hier und da flitzt ein Hase aus dem Gebüsch. Der ein oder anderen Schlange sind wir auch schon begegnet. Ein paar Kilometer links von uns verläuft die Straße. Rechts eine Gebirgskette. Diese müssen wir nach der nächsten Stadt passieren. Obwohl die Sonne tagsüber ohne Pause auf uns niederbrennt, fällt die Temperatur nachts weit unter null. So haben wir in einer Nacht – 10°C im Zelt gemessen! Generell ist unser neues Leben alles andere als gemütlich. Kein fließendes Wasser, keine sanitären Einrichtungen und keine Heizung. Alles Selbstverständlichkeiten in Deutschland. Tagtäglich fragen wir uns wo und wann wir das nächste Mal Wasser finden oder ob es diese Nacht wieder so kalt wird. Die Hände sind spröde und aufgerissen von der trockenen Luft in Kombination mit der harten Arbeit. Blasen an den Füßen sind ein ständiger Wegbegleiter. Hinzu kommt die dauerhafte Sorge um die Tiere.

Eines Abends im Zelt, bemerken wir ein seltsames Röhren auf uns zukommen. Aus dem nirgendwo tauchen plötzlich zwei Scheinwerfer auf und ein riesen Truck kommt angefahren. Raus springt ein lustiger kleiner Mann mit langen Haaren und wildem Schnauzer. Obwohl er kein Wort Englisch spricht, können wir uns irgendwie über Gestikulieren verständigen. Er hat eine kleine Ziegenfarm nicht weit weg von hier und kann den Tieren etwas Heu besorgen. Eine halbe Stunde später kommt er mit einem weiteren Freund wieder. Sie haben Essen für die Tiere und eine frisch geschossene Taube für uns mitgebracht. Was für geile Jungs! Wie rupfen und entnehmen das Tier zusammen, ehe wir unsere Gäste zum Tee ins Zelt einladen. Der eine spricht relativ gutes Englisch. Er erklärt uns, dass sie uns in der Ferne mit den Kamelen gesehen haben. Sie wissen, wie schwierig es sei, in dieser Jahreszeit genügend Essen zu finden, und wollten uns helfen. Mal wieder sind wir von der iranischen Freundlichkeit überwältigt.

Als wir am nächsten Morgen die Tiere satteln und loslaufen sind wir nur noch ein paar Kilometer von Shar-e Babak entfernt. In der Nähe wollen wir unser Lager für ein paar Tage aufschlagen. Wo genau wissen wir noch nicht. Aber erst mal laufen. In der Entfernung sieht man schon die Stadt. Nach Tagen in der Wüste kommt uns dieses Bild irgendwie fremd vor. Eule läuft gerade ein paar 100 m als Späher vor, als Benni und ich die ersten Schüsse hören. Wir schauen uns entsetzt an, haben wir da gerade richtig gehört? In der Entfernung taucht ein Mann hinter einem Graben auf. Er läuft direkt auf Eule zu. In seiner Hand hält er eine Pistole und fuchtelt damit wild durch die Luft! Mein Herz rast! Keine Ahnung was da gerade abgeht. Ich drehe mich zu Benni und schreie entsetzt auf: “Bruder, der hat eine Knarre! Was zur Hölle macht die Eule da!” Er ist unbeeindruckt auf den Mann zugelaufen. Dieser hat immer noch die Pistole in der Hand in die Luft gerichtet und zeigt mit der anderen Hand in die entgegengesetzte Richtung. Erst als Eule nachgibt und umdreht, senkt er die Waffe. Jetzt fällt uns auch die Uniform auf. Wir sind am Rande von einem militärischen Sperrgebiet gelandet und waren kurz davor durch eine Schießübung zu laufen! Der Soldat kommt hinter Eule her und überprüft unsere Personalien bevor er uns um den Graben herum schickt. Nichts wie weg hier!

Wir steuern das erste Gebäude außerhalb der Stadt an. So vermeiden wir die Aufmerksamkeit und den Trubel, den unsere Kamele erregen. Wir landen direkt vor einem Reiterhof. Es kommen sechs nette Reiter heraus und bestaunen die voll beladene Kamele. Wir sind von oben bis unten in Staub gehüllt und haben unsere Gesichter mit Schleiern verdeckt. Besonders manierlich sehen wir nicht aus. Trotzdem fragen wir, ob sie uns Obdach bieten können, und werden herzlich empfangen. Hier gibt es genügend Wasser und Essen für die Tiere. Auch ein Gästezimmer wird für uns bereitgestellt. Auf dem Hof leben über zehn Pferde, eine Herde Ziegen und mehrere Hunde. Hier bleiben wir die nächsten zwei Tage und bereiten unsere Sachen nach. Es muss dringend Wäsche gewaschen werden und eine Dusche wäre auch mal nett. Waschmaschinen gibt es natürlich keine. Bei der Handwäsche färbt meine Hose das Wasser rabenschwarz. All der Dreck bestehend aus Blut, Schweiß, Kamelkacke und Staub scheint endlos aus meiner Hose zu fließen. Ich gebe auf und finde mich damit ab, dass ich ein räudiger Typ bin. Die nächste Etappe führt uns über ein Gebirge. Hier soll es bei Weitem nicht so kalt werden wie im Vorherigen. “Nur” – 7°C. Dennoch haben wir gemischte Gefühle. Einerseits freuen wir uns darauf, die Wüste zu verlassen und die Veränderung der Landschaft zu sehen. Auf der anderen Seite fragen wir uns, ob die Tiere das auch wirklich schaffen. Besonders kälteresistent sind sie nicht. Nachts hüllen wir sie in Decken ein – dennoch frieren sie. 100 km sind es von Schar-e Babak bis nach Anar – unser nächstes Ziel. Als wir uns nach den zwei Tagen Pause vom Reiterhof verabschieden sind wir alle skeptisch. Wir wissen nicht wirklich, worauf wir uns da einlassen. Doch jetzt heißt es wie so oft wieder: erst mal laufen…