Kolumbien: El Choco

Mit Denguefieber durch den Regenwald

Waschi

Lasst euch nicht von den Geschichten der Vergangenheit erschrecken! Kolumbien ist ein farbenprächtiges und sicheres Reiseziel in den letzten Jahren geworden. Das Land öffnet sich dem Tourismus und hat für jeden was zu bieten – egal ob Abenteuer-Junkie oder Backpacker. Das Land ist kulturell und geographisch sehr facettenreich: Hochgebirgsketten laden zum Wandern und Klettern ein, der Amazonas begeistert Abenteurer, während Backpacker sich an den wunderschönen Kolonialstädten und paradiesischen Karibik-Stränden erfreuen können.

Visa: Upon arrival – bis zu 3 Monate 

Landessprache: Spanisch – Mit englisch kommt man als Reisender nur schwer voran  

Beste Reisezeit: Januar – März 

Kosten: Unterkunft, Verpflegung und Transport sollten nicht mehr als 50€ am Tag kosten

Interessante Orte: Amazonas, El Choco, Cartagena, Anden, Karibikküste, Kolonialstädte

Infrastruktur/Transport: Busnetz sehr gut ausgebaut. Schwierig zugängliche Orte wie der Amazonas und El Choco sind via Flugzeug zu erreichen. Inlandflüge sind günstig und regelmäßig

Es ist der 21. Mai 2018, ich sitze gerade zusammengekauert unter einer riesigen Palme, obendrein habe ich mich mit verschiedenen Farnen zugedeckt. Der Sturm findet seinen Weg auch durch den Dschungel, weshalb ich von oben bis unten durchnässt bin. Die Sonne ist schon längst untergegangen und die umgebende Dunkelheit erwürgt mich. Überall um mich herum höre ich bedrohliche Geräusche. Insekten krabbeln über meinen Körper, so manche wollen an mein Blut.

Ich bin in El Choco, Kolumbien und habe mich im Regenwald verlaufen. Einem Regenwald voller Drogenkartelle, Jaguare und Giftschlangen. Ich habe kein Wasser, mein Handy ist kaputt und alles was ich noch zum Essen habe sind zwei Limetten.

“Wie kann das sein?”, frage ich mich. Wie habe ich es mal wieder geschafft mich in eine völlige Notlage zu bringen? Es fing doch Alles so gut an…

Ich bin nach Kolumbien aufgebrochen, um etwas Soulsearching zu betreiben gleichzeitig suche ich nach einer guten Herausforderung. Ich habe vor einem Monat mein Studium abgeschlossen. Deshalb will ich nach vier Jahren “harter” Arbeit und ein paar Jahren Beziehung, etwas Zeit in der Natur. Der nächste logische Schritt im Leben wäre es mit meiner Freundin zusammen zu ziehen, eine Festanstellung zu bekommen oder so langsam für meine Rente zu sorgen. Doch ich bin noch nicht so weit.

Das ich mal wieder alleine los will ist meiner Freundin egal, sie hat sich schon an meine Abenteuer-Eskapaden gewöhnt. Doch die Eule ist am Boden zerstört. Die Ziege dagegen ist eh noch mit seiner Master-Thesis beschäftigt.

Wie fast immer liegt mein Fokus auf Berglandschaften – die Anden, um genau zu sein. Wie immer breche ich mit dem kompletten Selbstversorgerpaket, einschließlich Zelt, Schlafsack, Kocher und Proviant, auf. Ziel ist die Sierra Nevada del Cocuy kurz “el cocuy”. Diese liegt im Nordwesten des Landes. Außerdem ist sie die höchste Erhebung der Andenkordillere Cordilera Occidental. Das Gebirge beherbergt über ein Dutzend 5000 m Gipfel, zudem das Größte zusammenhängende Gletschergebiet Kolumbiens.

Von Bogota aus dauert die Busfahrt ca. 16 Stunden bis zum Ausgangspunkt – das Bergdorf El Cocuy. Ich kraxel durch Buschpfade und Berghänge schnurstracks in den Nationalpark. Dort verbringe ich die nächsten zwei Wochen unter hervorragenden Bedingungen. Ich hake ein paar Berggipfel ab, habe viel Zeit für mich und zelte unter Sternenhimmel. Was ein Leben!

Nach der Besteigung habe ich noch so viel Zeit in Kolumbien, dass ich mich kurzfristig dafür entscheide ans Meer zu fahren. Doch welches Meer bloß? Kolumbien hat Zugang zu zwei – Das Karibische und den Pazifik. Das Karibische Meer ist touristisch gut erschlossen, bietet außerdem paradiesische Sandstrände oder romantische Küstenstädte, wie Cartagena. Die zweite Wahl, der Pazifische Ozean ist dagegen schroff und schwer zugänglich. Das umliegende Gebiet nennt sich El Choco. Es ist vom restlichen Land durch einen dicken, undurchdringlichen Regenwald abgetrennt. Straßen- oder Schienennetz ist in diesen Teil des Landes  nicht existent. Lediglich eine kleine Propellermaschine fliegt einmal täglich in diese Region. Die Küste besteht aus kleinen Fischerdörfern, die nur durch Bootsverkehr (zweimal die Woche) miteinander verbunden sind. Straßen? Fehlanzeige. Die Einwohner sind Nachfahren der afrikanischen Sklaven und haben in dieser abgeschotteten Region des Landes eine einzigartige Kultur entwickelt.

El Choco ist für zwei Dinge bekannt: Den Nationalpark Utria, in den sich ein paar einsame Touristen im Juni zur Walbeobachtung verirren und der regenreiche Urwald, der von Drogenkartelle genutzt wird. Fragt mich also bitte nicht was mich da geritten hat, aber ich habe mich für eine Dschungelwanderung entschieden. Ein kurzer Tagesausflug zu einem “nahegelegenen” Wasserfall klingt doch nett. Ausrüstung und Proviant lasse ich also in einem der vielen Homestays bevor ich aufbreche. Ein Guide wird mir von den Einheimischen dringend geraten, aber ich lehne dankend ab. Muss ja nur Richtung Norden, den Buschpfad entlang. Notfalls habe ich ja MapsMe auf dem Handy. Die Rundtour soll auch nur sechs Stunden dauern, also packe ich mir ein bisschen Obst und einen Liter Wasser ein. Auf geht’s! Der Pfad ist schnell gefunden – einfach nördlich aus dem Dorf raus bis ein kleiner Pfad in den Dschungel führt. Dieser fängt breit an, wird aber immer schmaler. Der Untergrund ist furchtbar schlammig, außerdem sind die vielen Steigungen nur mit Hilfe von Lianen überwindbar. Kleine bunte Giftpfeilfrösche hüpfen mir über den Weg. Eine Berührung kann tödlich enden, also entziehe ich mich der Versuchung. Der Wasserfall ist endlich erreicht, doch die Angaben sind keineswegs akkurat. 6 Stunden Rundweg? HA! Oneway habe ich so lange gebraucht. Kurz in den Fluss gesprungen, dann schnell zurück. Schließlich geht die Sonne um 6 unter und es ist schon 2!

Auf dem Rückweg passiert mir genau das, was ich befürchtet hatte. Die Sonne geht unter. Ich stehe noch immer mitten im Dschungel. Ausgerechnet jetzt teilt sich der Weg. Ich nehme die falsche Abzweigung und rutsche ich einen Hang hinunter. Ich gehe ein paar Schritte in der Dämmerung weiter, aber komme nun total vom Weg ab. Wo vorher ein kleiner Pfad war ist nun dichtes Dickicht. Ich drehe um und versuche meine Schritte zurückzuverfolgen. Doch der Regenwald ist zu dicht. Ich sehe meine eigene Hand vor Augen nicht, noch dazu stehe ich mittlerweile hüfttief in Schlingpflanzen – Mit kurzer Hose und Nike Frees! Was für ein Anfängerfehler!!

Bei mir macht sich langsam die Panik breit. Ich habe mich komplett verirrt und finde den Pfad nicht mehr. Mein Handy ist tot, also kann mir dieses auch nicht weiterhelfen. Es kostet Unmenge an Kraft und Energie sich durch das Dickicht zu bewegen – so komme ich nicht weiter. In der Nähe höre ich Wasser – Ein Fluss! Ich kämpfe mich voran… Tatsache, ein kleiner Fluss. Bekanntlich fließen diese ins Meer und am Meer ist das Dorf. Weiter durch den Dschungel ist ohne Machete unmöglich also watte ich durch den knietiefen Fluss bis die Finsternis mich vollkommen verschlingt. Langsam braut sich ein Sturm zusammen und mir wird allmählich bewusst, dass ich es heute nicht hier raus schaffe. Ich schreie so laut es geht um Hilfe, doch der Sturm übertönt mich. Ich bin am Ende….

Meine einzige Möglichkeit besteht darin einen Unterschlupf zu finden und bei Tageslicht weiterzumachen. Doch ich habe echt riesige Angst hier draußen, alleine im Regenwald. Meine komplette Ausrüstung mit Zelt, Schlafsack und Proviant habe ich im Homestay gelassen. Hätte ich die bloß dabei! Ich schlage ein paar Fahnen und Blätter ab bevor ich mich unter eine Palme kauere. Der Sturm bricht über mich herein, während sich Krabbelviecher über mich hermachen. Ich bin von oben bis unten nass, mir ist kalt und ich habe lediglich zwei Limetten dabei. Wieso, fragt ihr euch? Naja, ich stehe auf Zitrusfrüchte. Wasser ist auch leer also schlürfe ich das Regenwasser von den Blättern. Ich spüre jeden Biss, jeden Stich der unzähligen Moskitos, Ameisen und Wanzen. Im Umfeld ertönt das Geräusch von Giftpfeilfröschen…

Tag 2

Die ersten Sonnenstrahlen sind wie ein Hoffnungsschimmer für mich. Ich lag die komplette Nacht zusammengekauert unter der Palme und habe keine Sekunde geschlafen. Der Sturm ist vorüber, ich bin von oben bis unten mit Stichen übersät, aber ich bin noch Fitt – nichts wie weg hier! Ich quetsche mir die zwei Limetten in den Mund, trinke einen ordentlichen Schluck Flusswasser und mache mich auf den Weg. Weiter dem Fluss entlang. Ich habe einen langen Stock zur Unterstützung, mit dem ich die Wassertiefe abschätze. Anfänglich hüfttief wird der Fluss allmählich immer Größer und tiefer. Ein paar tiefe Stellen muss ich sogar schwimmend überwinden. Doch langsam gibt es immer mehr Anzeichen von Zivilisation. Ich bin schon den halben Tag unterwegs als mir endlich ein Fischer auf einem Holzkanu entgegenkommt – Die Rettung! 

Wieder in der Zivilisation angekommen beginnt nun das richtige Elend… Abends bricht bei mir das Fieber aus, doch kein gewöhnliches. Meine Temperatur schießt in abnormale Höhe und meine Muskeln verkrampfen sich. Schüttelfrost, Fieber und Muskelkrämpfe wechseln sich stündlich die nächsten drei Tage ab. Es fühlt sich an, als würde mein Gehirn in meinem Schädel gekocht. Ich bin komplett im Delirium. Ich weiß nicht wo ich bin, habe kein Zeitgefühl mehr und habe einen räudigen Ausschlag übers komplette Gesicht. Ich fühle mich, als würde ich innerlich verbrennen. Zum ersten mal in meinen 25 Jahren frage ich mich, ob ich das überleben werde. Im Dorf gibt es kein Krankenhaus, also werde ich im Schnellboot in das nächste Dorf verfrachtet. Das dortige Krankenhaus gleicht einem “Busch-Lazarett”. Von dort werde ich an die Klinik in der Hauptstadt weitergegeben bevor ich nach zwei weiteren Tagen komplett ausgeflogen werde, um im Tropeninstitut Heidelberg behandelt zu werden. Die Erstdiagnose Malaria erweist sich als Trugschluss – es ist Dengue Fieber, auch Knochenbrecher-Fieber genannt. Es dauert ein bisschen bis ich wieder gesund bin. Ein paar Wochen stationärer Aufenthalt, mehrere Wochen Nachbehandlung, dazu ein paar Tage noch wackelig auf den Beinen, um genau zu sein. Doch ich habe überlebt…. Und nun sitze ich hier und erzähle euch von meinem bisher räudigsten Abenteuer. Ich hoffe, es hat euch gefallen.