Bulgarien: Musala Peak

Winterbesteigung Musala Peak und Gratüberschreitung im Rila-Gebirge

Tier Symbole der Neuzeit Nomaden

Ausgangsort: Von Sofia mit dem Bus nach Borovets / Borowez (2h, ca. 6€)

Umfang: 2 Tage im Winter, 1 Tag im Sommer

Technischer Anspruch: Bergwandern

Notwendiges Equipment: Festes Schuhwerk und im Winter Steigeisen

Übernachtung: Zelt oder Musala-Hütte

Routenbeschreibung: Borovets/Borowez (1350 m) → Bergstation Yastrebetz (2369 m, ca. 4h, 1019 hm)  → Musala-Hütte (2389 m, ca. 0,5h, 20 hm) → Everest-Hütte (2709 m, ca. 2h, 320 hm) → Musala Peak (2925 m, ca. 1h, 216 hm) → zurück gleicher Weg wie hoch (ca. 4h, 1575 hm)

Tag 1:

Neujahr 2018, ich stecke mitten in meiner Bachelorarbeit und brauche eine Abwechslung von der ewigen Einöde der Bibliothek. Der Winter ist schon viel zu lang und die letzte Reise auch schon ewig her. Auch wenn die Thesis mir nur eine kurze Auszeit erlaubt, ist mir klar, wen ich anrufen muss – Eule und Ziege.

Spontanität, das knappe Geld und die kurze Reisedauer, führen uns schließlich zu einem eher ungewöhnlichen Ziel. Eine Winterbesteigung des Musala Peaks und die Überschreitung des Rila-Gebirges in Bulgarien! Wie wir darauf kommen? Naja, einfach das billigste Reiseziel googeln, dort den höchsten Berg suchen, alles Nebensächliche auslassen und dann trotz mehreren Metern Schneefall und Lawinengefahr in das neue Abenteuer ziehen. Bei -10 Grad und geschlossenen Hütten ist dann auch eine angemessene Herrausvorderung gefunden.

Der Musala Peak ist der höchste Gipfel Bulgariens und auch gleichzeitig der höchste Gipfel der Balkan Halbinsel. Gelegen im Rila-Gebirge im südlichen Teil Bulgariens bietet das Gebirge genug Möglichkeiten zum Wandern und Klettern.

Im Sommer paradiesisch warm und im Winter eisig kalt, ist das ein perfektes Ziel für eine Winterbesteigung mit der Gang.

Eingeflogen sind wir alle in die Hauptstadt Sofia, wo wir uns nach einer kurzen Nacht auf den Weg ins Rila Gebirge machen. Ausgangspunkt der Besteigung ist der Skiort Borovets, ca. 70 km südlich von Sofia. Vom südlichen Busbahnhof (Avtogara Yug) in Sofia fährt ca. jede halbe Stunde ein Bus nach Samokov (ca. 1 Stunde), wo man dann noch einmal am Busbahnhof in Richtung Borovets umsteigen muss (ca. 30 Minuten).

Während Ziege und ich nochmal die Route zum Musala Peak und die anschließende Überschreitung von 3 weiteren Gipfel planen, grübelt die Eule darüber, ob er in Borovets noch irgendwie an Bier rankommt. Wir sind relativ uninformiert über den eigentlichen Ort Borovets aufgebrochen, unser Ziel war ja schließlich das Gebirge und nicht das Örtchen. Umso verblüffter sind wir als wir in einem von Touris überschwemmten, saumäßig hässlichen Skigebiet ankommen. Viele osteuropäische Wintersportler gepaart mit britischen Sauftouristen machen die Stadt echt unerträglich unsympathisch. Der Ort an sich ist nicht groß, aber dennoch reihen sich Skihotels, Pubs und Souvenirgeschäfte aneinander. Also nichts wie weg von hier! (Natürlich erst nachdem sich die Eule ein paar Gipfel-Bier gekauft hat)

Ausgangspunkt der Wanderung ist die südlich gelegene Skipiste. Der Weg führt uns von dort aus stetig aufwärts durch Nadelwald und Schotterpiste Richtung Musala-Hütte auf 2389 m, unsere erste Tagesetappe. Musala Peak ist im Sommer auch locker an einem Tag bezwingbar, doch aufgrund des vielen Schnees und der darauffolgenden Gratüberschreitung legen wir unsere erste Etappe sehr kurz. Schließlich haben die Hütten zu und wir schleppen unser komplettes Gepäck, bestehend aus Gaskocher, Zelten, Schlafsäcken und Isomatten auf den Berg. Von Borovets aus kann man auch eine Gondel zur Yastrebetz Bergstation nehmen, welche eine halbe Stunde Marsch von der Musala Hütte entfernt ist.

Ausgiebig beschildert ist der Weg mit einem weißen Quadrat mit rotem Strich, der sich den kompletten Weg langzieht. Knifflig ist nur die kyrillische Schrift, in der alles ausgeschildert ist. Dementsprechend ist es empfehlenswert, sich die kyrillischen Namen vorher einzuprägen. Oder man macht es wie ich und lernt einfach Kyrillisch. Nach etwa 4 Stunden Nadelwald und Schotterpiste durchbrechen wir endlich die Schneegrenze und erreichen die Bergstation Yastrebetz auf 2369 Metern. Von hier aus geht es durch knietiefen Schnee am Hang entlang, bis wir nach einer weiteren halben Stunde die Musala-Hütte erreichen. Von den erhofften Seen an der Hütte ist leider nichts zu erkennen. Diese sind schon zugefroren und verstecken sich unter meter hohem Schnee – war wohl nichts mit Wasservorräten auffüllen oder baden, Schneeschmelzen ist angesagt und eine Woche ohne duschen geht schon klar. Nachdem wir das Zelt in unmittelbarer Nähe der Hütte aufschlagen, machen wir uns an die Arbeit. Eine ordentliche Ladung Käsespätzle muss fachmännisch zubereitet werden. Kein Scheiß, die Eule hat wirklich Spätzle, Emmentaler, Röstzwiebeln und stabilen Bergkäse dort hochgeschleppt! Geplättet, aber wohlgenährt kuscheln wir uns im “warmen” Zelt aneinander und blicken hinauf in Richtung Musala Peak, wo man im entfernten Nebel die Umrisse des 2925 m hohen Gipfels nur schwer erahnen kann. Der Tag ist rum und so schlafen wir zur Melodie von Eules Schnarchens friedlich ein.

Tag 2:

Am nächsten Morgen ist es im Zelt mollig warm, umso schwerer ist es dann, raus in die Minusgrade zu gehen. Uns erwartet jedoch ein glorreicher Tag, den wir drei nicht so schnell vergessen werden. Nach einem schnellen Frühstück und dem Abbau unseres Lagers geht es weiter bergaufwärts, an der Musala-Hütte vorbei. Nach kurzem Anstieg erreichen wir einen steilen Hang zwischen zwei Felstürmen. Der Anstieg zum nächsten Höhenplateu ist zwar kurz, dennoch geht von dem meterhohen Schnee ein echtes Lawinenrisiko aus. Eigentlich wollen wir die fette Eule vorschicken, doch diese weigert sich in bekannter Manier. “Fickt euch, ihr Pisser. Ich schlepp hier den ganzen Scheiß hoch”, sind seine Worte, wenn ich mich recht entsinne und so erbarme ich mich, als Versuchskaninchen den restlichen Weg voranzugehen. Großen Abstand einhaltend, mit voller Konzentration und absoluter Ruhe stapfen wir den ersten Steilhang des Tages hoch, nicht ahnend, was uns da am Grat noch alles bevorsteht. Vom Höhenplateau aus können wir unseren ersten richtigen Blick von dem bevorstehenden Anstieg ergattern, der uns weit über den Horizont in Richtung der scheinbar undurchdringbaren Nebelwand führen soll. Der Weg geht quer über das Plateau, durch hüfttiefen Schnee, bis ans hintere Ende der Bergscharte. Von hier aus geht es an der Flanke entlang, stetig aufwärts bis zur Everest-Hütte auf 2709 m. Von der besagten Hütte ist leider nur nicht viel zu sehen, denn diese ist fast vollkommen eingeschneit! Von dort aus beginnt der Gipfelanstieg über einen schmalen Felsweg, hinauf Richtung Musala Peak. Die letzte Etappe ist mit Stahlseilen versehen, welche im Sommer vollkommen überflüssig sind, doch im Winter durch den vielen Schnee extrem hilfreich. Jetzt vollkommen dem Wind ausgesetzt, schreiten wir langsam, aber stetig, den schmalen Grat hinauf, welcher links und rechts von uns mehrere Meter in die Tiefe stürzt. Der Schneefall hat zu diesem Zeitpunkt wieder etwas zugenommen und die Kälte ist auf dieser Höhe schon deutlich zu spüren. Jeder Schritt verlangt größte Konzentration, doch durch den vielen Schnee kann man sich mit den Stiefeln richtige Treppenstufen aus Eis festtreten.

Endlich oben angekommen erwartet uns ein phänomenal räudiger Ausblick! – nichts. Der komplette Gipfel ist ummantelt von einem gruseligen Nebelschleier, der den Ausblick in das Umland unmöglich macht. Der Gipfel an sich ist relativ flach und beherbergt eine Wetterstation und ein Kernkraftwerk; wtf?! Denke, der Wetterstationsmensch will uns da auf den Arm nehmen. Schlafmöglichkeiten oder Verpflegung gibt es auf dem Gipfel im Normalfall keine, also geht unsere Tour nach kurzer Rast und Gipfelfoto weiter. Etappenziel ist die 6 Stunden entfernte Hütte Grnschar und der Weg dorthin sollte uns kontinuierlich über den spitzen Grat an drei weiteren Gipfeln vorbeiführen – soweit kommt es jedoch nicht. Nachdem wir den Südhang des Musalas absteigen, um auf den Grat zu gelangen, spitzt sich die Wetterlage dramatisch zu. Heftiger Schneefall und peitschender Wind erschweren die Sicht und unsere Wegweiser sind nun auch völlig eingeschneit. Um an Gewicht zu sparen, verzichteten wir auf Steigeisen, die uns die Kraxlerei auf dem Grat um einiges erleichtert hätten. Dennoch lassen wir uns nicht entmutigen. Wir wollen bis zur Hütte Grnshar durchziehen und uns keine Niederlage am Berg eingestehen. Der Grat führt uns rauf und runter an spitzen Felsen und hüfttief verschneiten Flanken. Seit vier Stunden auf dem Grat, kommen wir durch die erschwerten Bedingungen nur langsam voran. Die ersten zwei Gipfel sind lediglich ein paar aufeinandergestapelte Felsbrocken und bieten keinen Schutz vor der Witterung. Weiter auf dem Grat und kurz vor dem Anstieg auf den dritten Gipfel eskaliert die Wetterlage nun endgültig. Vor uns braut sich ein riesen Unwetter zusammen! Donner röhrt in unseren Ohren und weiter am Grat entlang schlagen Blitze ein. Die Sache wird nun echt lebensgefährlich und wir sind noch immer vier Stunden von unserem Etappenziel entfernt. Schnee, Wind und die Kälte dringen schon zu uns durch und unsere Muskeln sind müde von der Kletterei mit schwerem Gepäck. Seht ihr, über die Jahre hinweg haben die Eule und ich eine kompetitive Dynamik entwickelt, in der wir uns gegenseitig nur schwer eine Niederlage eingestehen können, selbst wenn wir uns in echt brenzlichen Situationen befinden. Bisher habe ich bei diesen idiotischen Männlichkeitswettbewerben immer den Kürzeren gezogen und frage mich manchmal, wieso ich mich überhaupt auf solch ein hirnloses Unterfahren einlasse (Für mehr Info zieht euch den Bericht zum Ruwenzori rein). Es war völlig klar, dass wir so nicht weiterschreiten können, doch der falsche Stolz macht es uns unmöglich die Angst einzugestehen. Innerlich mache ich mir aber in die Hose. Wir haben die Wetterlage brachial unterschätzt und dieses Gewitter ist dabei uns vom Berg zu fegen. Stundenlang steigt uns die Ziege schweigend hinterher, bis ihr endlich der Kragen platzt und sie uns wortwörtlich im Auge des Sturms klar macht, dass unsere einzige Möglichkeit darin besteht, umzudrehen und in der Wetterstation notzunächtigen. Weiter durch den Sturm zu schreiten, würde den sicheren Tod bedeuten und wir sollen doch mal kurz in uns gehen und darüber nachdenken, was wir hier eigentlich gerade machen. Ohne Widerworte treten wir den langen Rückweg an und flüchten vor dem Sturm, der in unserem Nacken wütet. Zurück zum Musala kostet es uns nochmal 4 Stunden und raubt uns jegliche Energie und Wärme. Der eisige Wind peitscht uns Schnee und Regen ins Gesicht, was sich wie tausende, kleine Nadelstiche anfühlt. Zurück am Musala ist die Sonne schon untergegangen. Mein Bart, Schnürsenkel und Rucksack sind vom Schnee komplett eingefroren. Der Eingang zur Wetterstation ist zugeschneit und lediglich ein freigeschaufelter Tunnel führt uns ins warme Innere, wo sich die ersten Anzeichen von Hypothermie bei der Eule breitmachen. Heftigst unterkühlt kauert er sich in der Hütte, mit unkontrollierbarem Zittern zusammen, während wir ihn mit Decken, Jacken und Schlafsäcken einhüllen. Es dauert ein paar Stunden bis er wieder auf sein Leben klarkommt, doch dann empfangen wir ihn mit warmem Tee.

All die Jahren, in denen die Eule einen Gipfel nach dem anderen mit den Worten “easy peasy” weggesteckt hat, sind nun vorbei. Wer hätte ahnen können, dass ein unbedeutender Berg in Bulgarien, uns so zu schaffen macht, doch nun sind wir hier in der warmen Sicherheit der Hütte und müssen erstmal darauf klarkommen, was wir da gerade erlebt haben. Ich denke noch heute oft darüber nach, wie wir zu dritt, mitten am Grat, im Schneesturm stehen und uns die Ziege die Standpauke meines Lebens hält. Der Moment, in dem man sich vollkommen seiner Sterblichkeit bewusst wird, sich aus der Vogelperspektive betrachtet, ist unbeschreiblich. Umso schöner ist es, diesen Moment zu teilen. Selbst wenn wir im Endeffekt umgedreht sind, standen wir dort für einen Moment als geschlossene Front und trotzten dem Weltuntergang. Zu dritt gegen die ganze Welt, egal was kommt. Mir wurde in diesem Moment klar, was wahre Freundschaft bedeutet und diese Erkenntnis bleibt mir bis meine Tage gezählt sind.

Waschi